Freak Orlando
Ein Film von Ulrike Ottinger |
 |
Deutschland 1981
35 mm, Farbe, 126 Minuten
Ulrike Ottinger Filmproduktion, Berlin
in Koproduktion mit Pia Frankenberg GmbH und ZDF, Mainz
Premiere: 1. November 1981, 15. Hofer Filmtage
Festivals: Internationale Filmfestspiele Berlin 1982
Festivals in Madrid, Bologna, Bordeaux, Figueira da Foz, Montréal
u.a.
Preise: Publikumspreis in Sceaux Frankreich 1983
Prädikat: Besonders Wertvoll
im Verleih der
Arsenal - Institut für Film und Videokunst e.V. |
 |
Eine Irrtümer, Inkompetenz, Machthunger, Angst,
Wahnsinn, Grausamkeit und Alltag umfassende Histoire du monde
am Beispiel der Freaks von den Anfängen bis heute
als Kleines Welttheater in fünf Episoden
erzählt von Ulrike Ottinger. |
 |
1. Episode
die erzählt, wie Orlanda Zyklopa als Attraktion mit ihren sieben
Zwergenschustern in der Schnellsohlerei des Kaufhauses von Freak City
den Amboß schlägt, von Herbert Zeus, dem Geschäftsführer,
aus dem Hause gejagt wird, als Königin der sieben Zwergathleten
das trojanische Pferd besteigt, ablehnt, die Nachfolgerin des Säulenheiligen
zu werden und deshalb zu Tode kommt.
2. Episode
in der erzählt wird, wie Orlando Orlanda alias Orlanda Zyklopa
auf den Stufen der Basilika als Wundergeburt das Licht der mittelalterlichen
Welt erblickt und mit dem lieblichen zweistimmigen Gesang ihres Doppelkopfes
die Umwelt zu verzaubern vermag, jedoch nicht verhindern kann, daß
Flagellanten zwei Akrobaten gefangen nehmen und sie inmitten ihres
Flagellantenzuges aus der Stadt führen, weshalb sie gemeinsam
mit der berühmten Zwergenmalerin Galli den Flagellanten folgt
und so zum Kloster der heiligen Bartfrau Wilgeforte gelangt, dort
in dem großen Kauf- und Lagerhaus neu eingekleidet und von Galli
portraitiert eine erstaunliche Verwandlung erfährt.
3. Episode
die erzählt, wie Orlando Capricho alias Orlando Orlanda alias
Orlanda Zyklopa erkennen muß, auf das mit schöner Stimme
vorgetragene Sonderreiseangebot des Warenhauses hereingefallen zu
sein, in ihrem eigenen Spiegelbild das Mißtrauen erlernt, im
Spanien des ausgehenden 18. Jahrhunderts den Häschern der Inquisition
in die Hände fällt, allerlei Gefahren und Abenteuer zu bestehen
hat, mit knapper Not der Einweisung in ein Korrektionshaus entgeht
und am Ende zusammen mit allerlei fahrend Volk und rechter Arbeit
Feind in die neue Welt deportiert wird, was Galli el Primo getreu
den Begebenheiten dokumentiert.
4. Episode
in der erzählt wird, wie Herr Orlando alias Orlando Capricho
alias Orlando Orlanda alias Orlanda Zyklopa vor den Toren des psychiatrischen
Landeskrankenhauses von den Artisten einer im Lande umhervagabundierenden
Side-Show als Mitglied aufgenommen wird, sich alsbald in einen Teil
der Siamesischen Zwillinge, genannt Lena, verliebt, was der andere
Teil, genannt Leni, nicht hinnehmen will, darob Herr Orlando in solche
Konfusionen und Verstrickungen gerät, daß er Leni ersticht,
was notwendigerweise auch seine geliebte Lena tötet und den Herrn
Prinzipal der Truppe zwingt, Herrn Orlando einem alten Artistenbrauche
gemäß dem Tode zu überantworten.
5. Episode
in der erzählt wird, wie Frau Orlando wegen ihrer Vorlieben genannt
Freak Orlando, alias Herr Orlando alias Orlando Capricho alias Orlando
Orlanda alias Orlanda Zyklopa sich als Entertainerin verdingt und
zusammen mit vier Bunnies durch Europa tingelt, als Attraktion bei
Eröffnungen von Einkaufszentren, Familienfeiern und ähnlichem
sehr begehrt ist, schließlich auch ein Engagement in Italien
auf einem alljährlich stattfindenden Fest der Häßlichen
annimmt, dort den Gewinner krönt und einen Ehrenpokal mit der
Aufschrift: "Bei den Lahmen ist das Hinken Sitte" überreicht
und uns am Ende des Festes erzählt, daß die Geschichte
aus ist.
Auszug aus den Katalog zur Ausstellung
Freak Orlando. Eine künstlerische Gesamtkonzeption
DAAD-Galerie, Berlin, 16. November 21. Dezember 1982
Die Stationen des Orlando von den Anfängen der abendländischen
Unvernunft in der Antike über das Mittelalter, das 18. Jahrhundert,
die Jahrhundertwende und die Gegenwart sind als 'Histoire du monde'
zu werten. Jenes 'teatrum mundi', das früher nach dem Spielplan
Gottes agierte, wird jedoch als 'circus mundi' entlarvt, unter dessen
einstmals theologischem Baldachin sich abstruse Wunsch- und Angstträume,
wilde Geißlergemeinschaften, willfährige Justiz der Kirchen
und Könige gleichermaßen sammelten. Daher bedeuten die
Metamorphosen Orlandos nicht nur abenteuerlichen Aufbruch, sondern
sie sind zumeist von Mord, Gefangennahme, Verfolgung, lnquisition
ausgelöst. Es wird bewußt, daß Orlando in seinen
Streifzügen durch den Wahnsinn der Geschichte zugleich Gefangener
seines eigenen Aufbruchs ist. Die fünfte Episode beschließt
Orlando als weibliche Entertainerin auf einem 'Festival der Häßlichen',
das tatsächlich, wie die Reporterin (Franca Magnani) zu berichten
weiß, jährlich in Italien abgehalten wird. Auf diesem werden
die zeitgenössischen Schönheitsideale ebenso nahtlos integriert
wie die Politiker als Juroren. Der Wettbewerb der Außenseiter
wird zu einem Tanz des Wahnsinns, der vergegenwärtigt, daß
der Mensch um seiner Eitelkeit willen fähig ist, Häßlichkeit
als Schönheit, Lüge als Wahrheit, Gewalt als Recht, Verkrüppelung
als 'natürliche' Norm zu akzeptieren. Die Doppelbödigkeit
dieser 'Kriterien' wird umso deutlicher, da der perfekt dressierte
und angepasste Normalbürger als Sieger aus diesem Festival hervorgeht.
Die Norm wird gekrönt. Der Narrentanz endet in idyllischer Hollywood-Happy-End-Musik,
der Romanze zwischen dem Bunny und dem Gewinner des Wanderpokals.
Der Spott des Wahnsinns unterhöhlt diese Szene, die ironische
Verfremdung entlarvt diese Norm als realitätsnahe apokalyptische
Erscheinung [...].
Wie sollte diese Reise Orlandos je beendet sein, da doch der Wahnsinn
noch unter uns ist und die Apokalypse als Entertainment noch nicht
an Attraktivität verloren hat! |
 |
| Presse |
Der Oberfreak, der Titelfreak ist dem Orlando aus Virginia Woolfs
Roman nachempfunden, der den alten Traum vom androgynen Menschen realisiert;
und wie Orlando im Roman ist er der Zeit, der Vergänglichkeit
nicht unterworfen, das allein schon macht ihn zu einem Monster an
Erfahrung [...]. Das Kaufhaus ist in FREAK ORLANDO der Tempel der
Versprechungen, der Sammelplatz der Gläubigen, wo nach bestimmten
Liturgien öffentliches Leben sich regelt. Da werden nicht nur
die Normen zementiert, sondern auch das Verhältnis zur Vergangenheit
ausgebeutet. Erst das Allerneueste, verkuppelt mit dem guten Alten,
ergibt das richtige Sonderangebot [...]. Das Kino verwirklicht die
Collagenträume des Surrealismus ohne Kino wären die
Surrealisten nie auf ihre revolutionären Metamorphosen gekommen.
Für Ulrike Ottingers Kinokonzeption ist entscheidend, daß
Film alle Vorstellungen, alle Wünsche, Ängste, Träume
mit der Aura des Realen ausstatten kann. Man kann mit dem Kino beweisen,
um es bildlich auszudrücken, daß der Mythos eine Dame ohne
Unterleib ist.
Frieda Grafe, Süddeutsche Zeitung, 7/8.11.1981
Die Dimension der emotionalen Aufladung der Bilder, die über
das Verwundern hinausgeht, kommt dem Film vor allem über das
Spiel Delphine Seyrigs zu, die neben Magdalena Montezuma als Orlanda
/ Orlando die wechselnden Episodenrollen durchläuft von der Lebensbaumgöttin,
Mutter der doppelköpfigen Wundergeburt, siamesischer Zwillingshälfte,
Kaufhausansagerin bis zum Bunny beim 'Wettbewerb der Häßlichen'.
Während Magdalena Montezuma die Eiseskälte der Kunstfigur
virtuos verbreitet, spielt Delphine Seyrig ihre Parts durchaus mit
psychischem Profil, vermenschlicht mit fIatterndem Lächeln, zarten
Blicken, sanftem Timbre das Künstliche zur weicheren Kontur der
Person.
Gertrud Koch, Frankfurter Rundschau,14.11.1981 |
 |
| Besetzung / Stab |
 |
 |
Orlando
als Pilger/
Orlanda Zyklopa/
Orlando Capricho/
Orlando Orlanda/
Herr Orlando/
Entertainerin/
Frau Orlando |
Magdalena Montezuma |
Helena Müller
als Lebensbaumgöttin
Kaufhausansagerin
Mutter der Wundergeburt
Helena-Maya
Siamesischer Zwilling Lena
Bunny Helena |
Delphine Seyrig |
Herbert Zeus
als Kaufhaus-Direktor
Priester
Gladiator
Chefarzt der Psychiatrie
Vertreter für Psychopharmaka |
Albert Heins |
Zwei Tänzer
als Kaufhausdetektive
Akrobaten
Mönche
Zerberusse
Vogelmenschen
Krankenschwestern |
Claudio Pantoja und Hiro Uschiyama |
Chronistin
|
Galli |
Säulenheiliger
|
Eddie Constantine |
Heilige Wilgeforte
|
Else Nabu |
Frau ohne Unterleib
Der linke Kopf
|
Therese Zemp |
| Reporterin |
Franca Magnani |
Siamesischer Zwilling Leni
Bunny Jackie
|
Jackie Raynal |
Kleine Menschen
|
Maria Buchelt
Paul Glauer
Alfred and Luzi Raupach
Monika Ullemayer
Dirk Zalm |
Zwölf Lederboys
|
Luc Alexander, Jochen Benner,
Klaus Dechert, Paolo Espinoza,
Gerhard Hoffmann, Dan Van Husen,
Reinhard v.d. Marwitz, Jörg Matthey,
Stefan Menche, Konrad Regber,
Peter Schmittinger, Emile Snystheuvel |
Vier Frauen
|
Barbara Beutler
Erika Rabau
Ula Stöckl
Ellen Umlauf |
Zwei Bunnies
|
Jill und Vivian Lucas |
| Frau Prinzipalin |
Beate Kopp |
Herr Prinzipal
|
Günther Notthoff |
Bartfrau mit Akkordeon
|
Waltraud Klotz |
| Büßerin |
Dorothea Moritz |
| Frau Gorgo |
Eva Ebner |
| Riesin |
Renate Pump |
| Haarwunder |
Emma Henze |
und
|
Alf Bold, Peter Gente, Wieland Speck,
Angela Reinhard, Wilhelm Siebert, Walter Busch, Sarah Blum,
Klaus Knittel, Petra Kray |
 |
Buch
Regie
Ausstattung
Kamera |
Ulrike Ottinger |
| Regieassistenz |
Eva Ebner, Bettina Woernle |
| Kameraassistenz |
Martin Gressmann |
| Musik |
Wilhelm D. Siebert |
| Ton |
Margit Eschenbach |
| Schnitt |
Dört Völz |
| Kostüm |
Jorge Jara |
| Kostümherstellung |
Ole Kofood, Barbara Czub |
| Maske |
Ursula Drews, Karin Seebach-Lück |
| Requisite |
Barbara Utecht, Ursula Knispel |
| Bühnenmaler |
Thomas Lange |
 |
|
| Herstellungsleitung |
Renée Gundelach |
| Produktionsleitung |
Harald Muchametow |
 |
Mit finanzieller Unterstützung
der
Filmförderungsanstalt, Berlin
Bundesministerium des Inneren, Bonn. |
|
Verleih:
Arsenal - Institut für Film und Videokunst e.V.
Potsdamer Str. 2
D-10785 Berlin
Deutschland
Ansprechpartner: Karl Winter
fon +49-30-269 55 150
fax +49-30-269 55 111
Verkauf:
Erhältlich auf VHS
bei
Ulrike Ottinger Filmproduktion |
|