Ulrike Ottinger Startseite Kontakt Druckversion der Seite Englische Version
Bildnis
einer Trinkerin
Delphine Seyrig... Sie löste ein Ticket aller jamais retour Berlin Tegel. Sie wollte ihre Vergangenheit vergessen, vielmehr verlassen, wie ein abbruchreifes Haus. Sie wollte sich mit allen ihren Kräften auf eine Sache konzentrieren, ihre Sache; endlich ihrer Bestimmung zu leben war ihr alleiniger Wunsch.
Anhand eines Werbeprospektes, der ihr als Bordlektüre von einer freundlichen Stewardess überreicht worden war, beschloß sie, eine Art Trinkplan aufzustellen. Die ausführliche Beschreibung einer Sightseeing-Tour diente ihr zur Orientierung und bot umfassende Hilfe. Berlin, eine Stadt, in der sie völlig fremd war, schien ihr der rechte Ort, ungestört ihrer Passion zu leben. Ihre Passion war zu trinken, leben um zu trinken, trinkend leben, das Leben einer Trinkerin. Jetzt war also der Zeitpunkt gekommen, alles zu verwirklichen.
Einleitungstext, Drehbuchauszug



Text:
Ulrike Ottinger
masculin feminin




Presse

[...] Die namenlose Lady rauscht in Tegel ein wie eine Science-fiction Fee im aseptischen Glas-, Beton-und Neon-Märchenland. Ein Koffer bricht auf, ein Getränkewagen geht zu Bruch; ein Zwerg, ein Diebstahl, Polizei, drei hochnäsige Kongreßteilnehmerinnen. Und eine Ansage annonciert:
'Berlin Tegel Realität'. Lapidar registrierte Vorfälle, kleine Desaster, befremdliche, bedrohliche Warnsignale [...] Berlin oder die Topographie des Fusels [...]: attraktive Tristesse wie in den schlimmsten Ecken Brooklyns, rührende Promenadenmischung aus Zille und Las Vegas. So liebevoll und erschreckend und wahrhaftig ist diese Stadt im Film noch nicht porträtiert worden [...]
Wolf Donner, Der Spiegel, Nr. 48, 1979


[...] In BILDNIS EINER TRINKERIN wandelt sich das Stadtbild in das Bild einer Stadt, in der der Wunsch, sich zu Tode trinken zu wollen, beinahe als Ausdruck des Überlebenswillens erscheint. Berlin ist in diesem Film eine Stadt der Isolation: nicht, banal, der Isolation nach außen; auch nicht, schon weniger banal, der inneren Isolation; sondern Berlin ist die Isolation als Stadt, die zur Stadt verwandelte Einsamkeit.
Die Qualität dieses Films: daß er das nicht behauptet, sondern zeigt, auf verschiedene Arten. Der Film erzählt nicht eine Geschichte, sondern collagiert das Bildnis einer Trinkerin: eben das ist seine Methode. Subversiv verweigert er sich auf den zweiten Blick der Entfaltung einer realen Zeit [...]
Norbert Jochum, DIE ZEIT, 23. 11.1979


[...] ein intellektueller Augenspaß — und zugleich ein Berlin-Film. Wo sonst in einer deutschen Stadt besteht eine ähnlich enge Verbindung zwischen Hypermode und Subkultur? Die Regisseurin ist eine Virtuosin im Erdenken und Umsetzen von Bildern, in der photographischen Konfrontation von Gegensätzen, sie verfügt vor allem über eine durchaus fesselnde manieristische Kraft [...]
H.G. Pflaum, Süddeutsche Zeitung, 12.2.1980


[...] Die ungewöhnliche Geschichte vom Trinken fängt, obwohl in kühlen, streng arrangierten Bildern erzählt, sehr lebensnahe, detailliert beobachtete Alltagssituationen ein.
Immer bleiben die Szenen des Films in der Schwebe zwischen bitterem Ernst und böser Ironie:
Ein freundliches Lachen ist jeden Augenblick ebenso denkbar wie der jähe Tod. Zu diesem eigentümlichen Eindruck trägt viel der unkonventionell eingesetzte Ton bei, der aus Originalgeräuschen, -dialogen sowie synthetisch erzeugten Klängen besteht und oft gegenläufig zu den Bildern eingesetzt wird..."
Bodo Fründt, Stern Nr. 45, 29.10.1981


[...] Eine Kunstfigur, eine Frau aus Porzellan (Tabea Blumenschein), mit sehr hohen, nicht mehr wahrnehmbaren Herztönen, zerschlägt sich selbst. Der fremde Ort, an dem sie, die Fremde, dies, ungestört auf ihre Passion konzentriert, zu tun gedenkt, ist Berlin. Sie, ohne Namen, ohne Nationalität, ohne erkennbare Vergangenheit, löst irgendwo [...] ein Flugbillet ,Aller jamais retour' nach Berlin Tegel:
Gleich anfangs ein sonderbar glasiges Berlin, wie es sich dem Wahn aus Schnee und Fieber einer ganz und gar nicht gewöhnlichen Trinkerin darbieten mag: der Flugplatz ist fast leer, die hohen Ansagestimmen kommen aus dem Nichts und weisen ins Nirgendwo, nur noch drei von Kongreß zu Kongreß reisende Damen in Pepita-Reisekleidung sind angekommen: drei Nornen, genannt 'Soziale Frage', 'Exakte Statistik' und 'Gesunder Menschenverstand' [...], die fortan, ohne mit einem Menschen je Kontakt aufzunehmen, gleichsam für diese unter Tarnkappen, fast an jedem Schauplatz niederflattern wie weise Raben, daselbst ständig ihre wissenschaftlichen 'Erkenntnisse' über die verschiedenen psychischen Ursachen und Auswirkungen männlicher und weiblicher Trunksucht als leblose Leerformeln auszuspucken; ein Begleitchor, kalt und komisch [...]
Karena Niehoff, Der Tagesspiegel, 9.9. 1979






Besetzung / Stab
Sie Tabea Blumenschein
Trinkerin vom Zoo Lutze
Soziale Frage Magdalena Montezuma
Exakte Statistik Orpha Termin
Gesunder Menschenverstand Monika von Cube
Zwerg Paul Glauer
Sängerin Nina Hagen
Direktor Willy Günther Meisner
Chef Kurt Raab
Transvestit Volker Spengler
Am Künstlertisch

Eddie Constantine, Ginka Steinwachs, Mercedes Vostell, Wolf Vostell
und

The Destroyers, Drahtseilartisten des Zirkus Renz, Ulrike Ottinger, Raul Giminez, Ila von Hasperg
Sprecherin Ulrike Ottinger
Buch/ Regie/
Ausstattung/ Kamera

Ulrike Ottinger
Produktionsleitung Marianne Gassner
Regieassistenz Ila von Hasperg
Kameraassistenz Amadou Seitz
Licht Manfred Bogdahn
Bauten Raul Gimenez
Kostüme Tabea Blumenschein
Maske, Garderobe Detlef Pleschke
Schnitt Ila von Hasperg
Schnittassistenz Pamela Page
Ton Margit Eschenbach
Tonassistenz Holger Gimpel
Mischung Hans-Dieter Schwarz
Musik Peer Raben
Song ("Lasset uns trinken") Nina Hagen
Mit finanzieller Unterstützung der
Filmförderungsanstalt, Berlin
Kuratorium Junger Deutscher Spielfilm, Berlin





Premiere:
27. Oktober 1979, 13. Hofer Filmtage



Festivals:
Filmfestspile Berlin 1980
Cannes (Semaine de la Critique) 1980
Edinburgh 1980
Sceaux Festival des Femmes 1980
New Delhi, Los Angeles, San Francisco, Chicago u.a.



Preise:
Publikumspreis von Sceaux, Frankreich



Verleih:
Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.
Potsdamer Str. 2
10785 Berlin
Deutschland
Ansprechpartner: Karl Winter
fon +49-30-269 55 150
fax +49-30-269 55 111
verleih@fdk-berlin.de
www.fdk-berlin.de


für Nordamerika:
Women Make Movies
462 Broadway 5th Floor
New York, NY 10013
USA
fon +1-212-925-0606
fax +1-212-925-2052
info@wmm.com
www.wmm.com


Verkauf:
Erhältlich auf VHS
bei
Ulrike Ottinger Filmproduktion
Fichtestraße 34
D-10967 Berlin
fon +49-30-692 93 94
fax +49-30-691 33 30
office@ulrikeottinger.com


Übersicht über alle verfügbaren Filme auf VHS und DVD