Die
Geschichte Auf dem Sterbebett vertraut eine alte russische Aristokratin ihrem Schwiegersohn ein streng gehütetes Geheimnis an. In einem der zwölf Stühle ihrer alten, nach der Revolution enteigneten Salongarnitur hatte sie ihren wertvollen Juwelenschmuck versteckt. Ihr Schwiegersohn, der ehemalige Adelsmarschall und Lebemann Ippolit Matwejewitsch Worobjaninow, der als Standesbeamter in einem Provinznest sein Leben fristet, begibt sich unverzüglich auf die Suche nach dem Schatz. Die zwölf Stühle sind inzwischen im ganzen Land verstreut. Schon auf der ersten Station heftet sich Ostap Bender an seine Fersen, ein gewitzter, buntscheckiger Gauner, der die Jagd nach den Brillanten energisch an sich reißt. Eine tolle Reise beginnt von Nord nach Süd und von West nach Ost, zu Wasser und zu Lande, vom Dorf in die Metropole. Das ungleiche Gespann hat einen Rivalen in Vater Fjodor. Er hatte der einst wohlhabenden Aristokratin die letzte Beichte abgenommen und kennt so als Dritter im Bund ihr Geheimnis. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Zur Entstehung 2001 reiste ich für meinen Film Südostpassage auf der Suche nach jenen blinden Flecken Europas, die heute dem medialen Vergessen preisgegeben sind, von Berlin über Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, in die Ukraine nach Odessa und am Schwarzen Meer entlang nach Istanbul. Parallel dazu begab ich mich auf eine literarische Reise und lernte die Romane, Erzählungen und Gedichte dieser Länder kennen. Dabei begegnete ich den Zwölf Stühlen, dem listigen Roman des Odessiter Autorenpaares Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Seit seinem Erscheinen Ende der Zwanziger Jahre ist er eine der vergnüglichsten Beschreibungen der turbulenten Zustände Sowjetrusslands während seiner Aufbauzeit. Heute hält der Roman den im Umbruch befindlichen GUS-Staaten einen präzisen allegorischen Spiegel vor. Auf zwei weiteren Recherchereisen suchte und fand ich in der Ukraine die Orte und Schauspieler, die im Film zu zentralen Akteuren der Handlung werden: Wilkowo, ein Dorf an der moldawisch-rumänischen Grenze, durchzogen von Kanälen wie ein Kleinvenedig. Nikolajew, ehemals mächtiger Handelsknotenpunkt an der Gabelung zweier Zuströme zum Dnjepr; die Tatarendörfer im gewaltigen Krimgebirge und die eleganten Kurorte zu seinen Füßen, wo die Schwarzmeerküste schon seit dem 19. Jahrhundert Côte d'Azur spielt. Und nicht zuletzt Odessa mit seiner Mischung aus zerfallenen Hinterhöfen, prächtigen Passagen und der Treppe zum Hafen, die auf Schritt und Tritt Bilder von Eisensteins Revolutionsfilm Panzerkreuzer Potemkin hervorruft. Diese Orte sind nicht nur Bühne, sondern Mitspieler im Film. Sie und die Menschen, die sie im Alltag bevölkern, agieren als Komplizen oder Gegner der beiden Protagonisten Ostap und Ippolit auf der Jagd nach ihrem materiellen Glück. Die beiden Hauptdarsteller sind wie die Autoren des Romans Odessiter. Georgi Delijew, der Darsteller des Gauners Ostap Bender, ist ein Volksschauspieler im modernen Sinn, der in einem eigenen Theater die Tradition des Burlesken pflegt und durch eine auf ihn zugeschnittene komödiantische Fernsehserie, die "Maskenschau", weit über die Ukraine hinaus bekannt ist. Genadi Skarga, der die tragikomische Figur des ehemaligen Adelsmarschalls verkörpert, stammt aus einer Odessiter Theaterdynastie und beherrscht nicht nur das klassische Repertoire der russischen Bühnenliteratur, sondern experimentiert als Regisseur und Schauspieler auch mit den Formen des modernen amerikanischen Dramas. Die rasante Geschichte ist so eingeflochten in einen dichten Teppich von Personen und Orten, die zugleich von gestern und heute erzählen. Ulrike Ottinger Seitenanfang Ulrike Ottingers pikareskes Universum Schon in früheren Filmen hat Ulrike Ottinger einen pikaresken Stil entwickelt: Verzicht auf psychologisch gezeichnete Charaktere, eine episodische Struktur ohne übergreifende Spannungskurve, dafür üppiges Detail, das den Figurenreigen temporär in eine Komposition bindet, bis sich ein neues Ambiente, neue Farbtöne, neue Umstände auftun. Auch gibt es schon früh satirische Elemente sowie die Lust am Heterogenen, Grotesken, Barocken. Grundsätzlich ist die Pikareske eine Gattung des Barock. Sie entstand im Spanien des 16. Jahrhunderts, nicht zuletzt als ideologisches Gegenstück zum Ritterepos mit seinen hehren Zielen und Charakteren. So ist der Picaro ein Held der niederen Klassen, der sich mit Flexibilität durchs Leben schlägt und aus allem Vorteil zu ziehen trachtet, sei es pekuniär oder amourös. Mit satirischem Blick durchwandert er die zeitgenössische Welt. Er gewinnt Freunde und verliert sie wieder, lässt sich treiben, muss die Flucht ergreifen und drängelt sich erneut in Kontexte, in denen er nichts zu suchen hat. Seine Nähe zum Narren, der naiv und schlau zugleich ist, oder zum listigen Trickster ist evident. Der Picaro erfährt keine innere Wandlung. Schon die episodische Form verhindert seine Psychologisierung: Sie ist offen für Additionen und Kürzungen und enthält in ihrer barocken Fülle oft weit mehr Ereignisse, als einem Einzelnen widerfahren könnten. Mit Zwölf Stühle hat Ottinger einen Roman verfilmt, der seinerseits pikareske Züge trägt. Er schickt seine Figuren durch die Nachwehen der russischen Revolution, und mit Staunen erlebt man, wie erfinderisch sie sich gebärden. An krassen Gegensätzen, Chaos, Ungleichzeitigkeit herrscht in diesem Land kein Mangel. Die Figur des Picaro ist aufgefächert in einen enteigneten Großbürger und einen schlitzohrigen Gauner ein ungleiches, aber in Gier vereintes Paar, das von einer dritten Figur, einem glücklosen Popen, flankiert wird. Um alle drei gruppieren sich bizarre Nebenfiguren, die in unterschiedlichster (aktueller) Art auf die neue Gesellschaftsform reagieren. Ottinger vermag diesen Stoff mit Witz und Fabulierlust, aber auch scharfer Beobachtung und unerschöpflicher Phantasie zu inszenieren. Hier kann sie ihre apsychologische, scharf beobachtende Erzähltechnik einbringen, kann veritable Nummern ausgestalten, Poetisches mit Action mischen, Stilisiertes mit dem Absurden. Heterogene Elemente aus Shakespeare, der Commedia dell'arte, dem Stationendrama, der Tragikomödie, Gogol, Eisenstein, dem Italowestern, dem Dokumentarfilm, der Avantgarde oder auch der romantischen Landschaftsmalerei sind verwoben. Entsprechend greift sie in die Vollen, und ihr ukrainisches Ensemble hält mit: Ottinger gibt den Schauspielern viel Raum für Spontanes, beherrscht jedoch die Erzählung auf souveräne Weise. Jede Nummer ein überraschendes, präzis genutztes Tableau, jede Einstellung ein opulentes Gemälde. Im Spannungsfeld von statischer Komposition, die den Blick zum Verweilen einlädt, und quirliger Performanz, die den Rahmen sprengen könnte, vollzieht sich der narrative Rhythmus. Dem entspricht im Ganzen die doppelte Bewegung vom Erfüllen einer numerischen Vorgabe - der Suche nach den zwölf Stühlen, Stück für Stück und darüber hinaus - und dem Sich-Entfalten in der Eigengesetzlichkeit der Episoden. Eine solche Struktur braucht einen langen Atem. Ulrike Ottingers Film dürfte nicht kürzer sein, denn der Geist der Pikareske entfaltet sich in der Fülle: auch der Zeit. Christine N. Brinckmann Auszug aus dem Katalog des 34. Internationalen Forums des Jungen Films Seitenanfang Welturaufführung: 12. Februar 2004, Internationale Filmfestspiele Berlin, Internationales Forum Verleih: Freunde der Deutschen Kinemathek e.V. Potsdamer Str. 2 D-10785 Berlin Deutschland Ansprechpartner: Karl Winter fon +49-30-269 55 150 fax +49-30-269 55 111 verleih@fdk-berlin.de www.fdk-berlin.de Weltvertrieb: Cine-International Leopoldstrasse 18 D-80802 München Germany Ansprechpartnerin: Christiane Harris fon +49-89-39 10 25 fax +49-89-33 10 89 email@cine-international.de www.cine-international.de Verkauf: Erhältlich auf DVD und VHS bei Ulrike Ottinger Filmproduktion Fichtestraße 34 D-10967 Berlin fon +49-30-692 93 94 fax +49-30-691 33 30 office@ulrikeottinger.com Übersicht über alle verfügbaren Filme auf VHS und DVD Seitenanfang |








