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Karl Kraus
Nestroy und die Nachwelt
Zum 50. Todestage
Wenn Kunst nicht das ist, was sie glauben und erlauben, sondern
die Wegweite ist zwischen einem Geschauten und einem Gedachten,
von einem Rinnsal zur Milchstraße die kürzeste Verbindung,
so hat es nie unter deutschem Himmel einen Läufer gegeben wie
Nestroy. Versteht sich, nie unter denen, die mit lachendem Gesicht
zu melden hatten, daß es im Leben häßlich eingerichtet
sei. Wir werden seiner Botschaft den Glauben nicht deshalb versagen,
weil sie ein Couplet war. Nicht einmal deshalb, weil er in der Geschwindigkeit
auch dem Hörer etwas zuliebe gesungen, weil er mit Verachtung
der Bedürfnisse des Publikums sie befriedigt hat, um ungehindert
empordenken zu können. Oder weil er sein Dynamit in Watte wickelte,
und seine Welt erst sprengte, nachdem er sie in der Überzeugung
befestigt hatte, daß sie die beste der Welten sei, und weil
er die Gemütlichkeit zuerst einseifte, wenn's ans Halsabschneiden
ging, und sonst nicht weiter inkommodieren wollte. Auch werden wir,
die nicht darauf aus sind, der Wahrheit die Ehre vor dem Geist zu
geben, von ihm nicht deshalb geringer denken, weil er oft mit der
Unbedenklichkeit des Originals, das Wichtigeres vorhat, sich das
Stichwort von Theaterwerkern bringen ließ. Er nahm die Schablone,
die als Schablone geboren war, um seinen Inhalt zu verstecken, der
nicht Schablone werden konnte.
Die Fackel 349/350, 1912
Die Hochzeit von Nestroy und Kabuki
Ulrike Ottinger über die universale Sprache der Kultur,
das Lachen und was der Jodler mit Japan zu tun hat.
Ein Gespräch mit Mathias Grilj
Lachen Sie gern?
Sehr gern. Das geht doch schon daraus hervor, dass ich im Steirischen
Herbst einen Nestroy inszeniere.
In Österreich gehen wir eifersüchtig mit unserem Nestroy
um und wollen ihn nicht einmal deutschen Regisseuren überlassen.
Nun kommen Sie als Deutsche mit Japanern nach Graz und spielen ausgerechnet
ihn...
Das ist eine Anmaßung, ja, Sie haben recht. Ich hoffe, daß
die Österreicher so viel Humor haben wie Nestroy und mir das
nachsehen.
Woher Ihre Liebe zum Osten?
Ich habe mich früh, als so etwas noch befremdlich war, mit
fernöstlichen Ästhetiken beschäftigt. Mit Tanz, Theater,
Musik, Film. Wo immer ich gereist bin und recherchiert habe, bei
Leuten, die als Nomaden leben, habe ich beispielsweise Tonaufnahmen
gemacht. Ich finde es höchst interessant, frühe Musikformen
- mögen sie ganz unabhängig voneinander in den entlegensten
Gebieten entstanden sein - einmal nebeneinander zu hören. Ein
steirischer Jodler hat mit der klassischen Gesangsart des japanischen
Nô-Spiels viel mehr zu tun als zum Beispiel mit der in Europa
entstandenen Oper.
Wie kam es zum Nestroy-Projekt?
Das ist eine längere Geschichte der Entscheidungsfindung. Ich
suchte in Japan nach Schauspielern, mit denen ich Alt und Neu kombinieren
könnte, also klassische Darsteller und moderne, die aus dem
Naturalismus und Realismus kommen. Ich wollte diese Spielformen
nebeneinander setzen und dazu einen typischen österreichischen
Text inszenieren. Ursprünglich dachte ich an Herzmanowsky-Orlando,
den ich sehr schätze mit all seinen Verrücktheiten und
Verstrickungen von Bürokratie und Alltagswahnsinn, alles Themen,
die mir gut gefallen. Aber dann stieß ich eben auf diese Zauberposse
von Johann Nestroy.
"Das Verlobungsfest im Feenreiche".
Das ist ein sehr frühes Stück von ihm, das noch einen
Zauberrahmen hat. Innerhalb dieses Rahmens wechseln wir vom Feenreich
auf die Erde und erfahren unentwegt Verwandlungen. Und dieser Gedanke
des Verwandelns und ständigen Verwechselns - zum Beispiel auch
vom Totenreich ins Reich der Lebenden, der ist im klassischen japanischen
Theater etwas Selbstverständliches.
Nestroy wäre verblüfft über diese Verwandtschaft.
Es ist auch interessant, wie er selbst in der revolutionären
Zeit des Vormärz mit den Theatertraditionen umgegangen ist
und in diesem Stück mit einer Vielfalt von Elementen gearbeitet
hat. Nestroy beschreibt ja gesellschaftliche Brüche. Und ebensolche
gab und gibt es in Japan. Die Kollision all dieser Brüche soll
sich in der Aufführung manifestieren: Die Form des Zauberspiels,
die Nestroy für sein Stück gewählt hat, weist in
Struktur und inhaltlichen Facetten Ähnlichkeiten mit dem klassischen
Kabuki-Theater auf. Sie ermöglichen im Zusammenspiel traditioneller
und moderner, östlicher und westlicher Gesten, Sprachweisen
und Musiken, Dialoge der verschiedenen Kulturen.
Klingt kompliziert.
Und wird sehr vergnüglich. Etwas sehr Leichtes. Nicht ganz
zwei Stunden lang - mit Tanz, mit japanischer Musik ebenso wie mit
Jodlern, mit Schattenspiel und Schuhplattlern und ständigem
Rollenwechsel. Können Sie sich vorstellen, wie die Verbindung
der streng vorgeschriebenen Gesten des Kabuki mit der witzigen Nestroyschen
Sprache auf der Bühne wirkt? Wenn zum Beispiel Libgart Schwarz
mit all ihrer Keckheit und ihrer hohen professionellen Stilistik
sämtliche Figuren mit deren Stimme spricht, vom Flötenton
der hohen Fee Regina bis zum Dialekt des Schladriwuxerl.
Eine komödiantische Rolle...
... die sich Netsroy wahrscheinlich auf den Leib geschrieben hat.
Und andererseits ist da Herr Hanayagi, der Frauendarsteller, mit
der ungeheurer präzisen Gestik und Mimik. Der Frauendarsteller
hat übrigens mit unserem aktuellen Verständnis von Transvestiten
nichts zu tun. Es ist einfach ein Rollenfach, das man in Japan studiert.
Könnte man Sie nicht verdächtigen, mit exotischen Effekten
zu kokettieren?
Diese Sorge habe ich nicht. Ich würde nur im deutschen Sprachraum
kaum einen Schauspieler finden, der diese interessante Gestik hätte
für einen Nestroy-Text. Genau diese Tatsache, daß japanische
Schauspieler und Musiker an der Realisierung des Stücks mitgestalten,
schließt aus, dass sie zu exotischer Kulisse werden.
Aber es kommt doch zu einer Hochzeit zwischen Nestroy und Japan.
Durchaus, aber ich vermische das nicht. Vielmehr setze ich ein Mosaik
zusammen, wo man jedes Steinchen fünfmal in die Hand nehmen
muß, bis es hineinpaßt. Es ist eine hochkomplexe Arbeit,
bis jedes Steinchen im Bild das andere stützt.
Man macht es sich schwer, damit es leicht wird?
So ist es. Bei den Proben hätte ich Lust, auf die Bühne
zu springen und alles vorzuspielen, wie man es in der Regie normalerweise
macht. Ich muß mich aber zurücknehmen, weil die japanische
Theater-Gestik in mancher Hinsicht anders ist als bei uns. Die Unterschiedlichkeit
darf nicht verwaschen werden. Wir fragen einander ständig:
Was würdet Ihr in dieser Situation tun? Eine Geste, mit der
hier im Volksstück die Eifersucht dargestellt wird, die steht
in Japan schon für Hysterie. Wir müssen jedes Detail in
Form bringen. Und die Übersetzung, die Yoko Tawada macht...
...deren Theater beim Herbst zu sehen war...
...ist nicht nur Transponierung aus einer Sprache in die andere.
Sie muß auch den spezifischen Rhythmus berücksichtigen,
in dem ein Kabuki-Schauspieler spricht. Das wiederum muß dem
Rezitativ von Libgart Schwarz entsprechen. Wir arbeiten uns sorgsam
durch jedes Wort, durch jede Bedeutung und jeden Rhythmus in beiden
Sprachen durch. In diesem Zwang zur Genauigkeit lernen wir viel
voneinander.
Sie sind auch Fotografin, Sie sind berühmt geworden als
Filmemacherin, haben mehr als ein Dutzend Filme gedreht. Das Theater
hat einen anderen Blick als der Film.
Wenn ich Filme mache, muß ich für jeden Film die richtige
Form finden, sei es ein Spielfilm oder ein Dokumentarfilm. Im Theater
stellt sich dieselbe Aufgabe: Jedes Thema hat eine ganz bestimmte
Form, und sie zu finden betrachte ich als meine eigentliche künstlerische
Arbeit. Das ist ein sehr langer Prozeß. Dazu gehören
Sprache, Musik, Kostüme, Licht und Rhythmus. Dazu gehört
der Umgang mit der Zeit.
Zu Ihrer künstlerischen Arbeit gehört das Sammeln von
Material.
Ganz stark. Ich recherchiere viel. Ich muß mir Wissen aneignen,
aus dem sich wieder neue Fragen ergeben. Dadurch wird die Sache
natürlich oft schwerer und komplexer. Aber den kindlichen Gestus
des genialischen Künstlers habe ich nicht. Oder vielleicht
nicht mehr.
Ihre Vorbereitungen für Nestroy?
Die sehe ich im Zusammenhang mit meinen Studien zur Ethnografie
und zu vergleichenden Religionswissenschaften. Es gibt - bei aller
Verschiedenheit - auch so etwas wie eine universale Sprache der
Kulturen, auf allen Kontinenten entdecken wir das. Japanische Kagura-Masken
- Kagura ist ein Fest, bei dem Religion und Theater vereint sind
- die korrespondieren wunderbar mit alten Fastnachtsmasken im alpenländischen
Raum. Als ich gestern den Schauspielern meine umfangreiche Materialsammlung
gezeigt habe, die uns zum Informieren und Phantasieren hilft, war
ein Schauspieler sehr angetan vom Bild eines Grasmantels, den er
als typisch japanisch erkannt hat.
Gut, und?
Es war ein alter steirischer Grasmantel.
aus dem Programmheft
Stab / Besetzung
Inszenierung und Bühne: Ulrike Ottinger
Kostüme: Gisela Pestalozza
mit:
Libgart Schwarz
Takeshi Miyajima
Tetsuro Nonami
Tsutomu Izawa
Masakatsu Hanayagi
Emiko Yoshimura
Yoshie Sakamoto
Takanojo Senda
Yukiko Goto
u.v.a.m.
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