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Ulrike Ottinger
Bildarchive
Fotografien 1970-2005
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Einführung |
Ulrike Ottinger kam über die bildende Kunst - Malerei, Fotografie,
Performance - in den frühen 70er Jahren zum Filmemachen. Ihr
erstes Foto hat sie schon mit neun Jahren in einem Boot in einer Amsterdamer
Gracht gemacht: Zwei indische Herren, der eine im Trench, der andere
mit Turban und Maßanzug, lächeln in die Kamera. Danach
sollten Tausende Bilder kommen (natürlich Fotografien, aber auch
Sammlungen von Ansichtskarten, Ausschnitten, Illustrationen und verschiedenen
ikonografischen Dokumenten), die sowohl das offene Archiv eines Lebens
als auch ein Werk bilden, das auf dem Prinzip der "Collage"
von Bildern und Ereignissen beruht. Jedes Bild weist "über
sich hinaus: auf die ihm vorgängige Wirklichkeit, auf unzählige
Bilder aus den Arsenalen der Künste, der Alltagskulturen und
Mythen, und auf den visuellen Kosmos des immer dichter werdenden eigenen
uvres. Gefundenes und Erfundenes begegnen sich in diesen Fotos.
Sie sind die Arenen wechselseitiger Veränderung von Realität
und Fiktion, Vergangenheit und Zukunft, Wunsch und Erfüllung."1
Das vorliegende Künstlerbuch lädt zu einem geführten
Spaziergang durch eine Auswahl von Bildern ein, anhand deren die komplexe
Beziehung ersichtlich wird, welche das Werk Ulrike Ottingers zur Welt,
zur Geschichte und zur Kultur
unterhält. Es ist eine lange, schöne Reise, ernst und verzaubert
zugleich, die einen vom Nächsten zum Fernsten, von Berliner Stadtlandschaften
zu den Steppen der Mongolei, von Geschichten der Vergangenheit zu
Szenerien von heute führt und die nichts Exotisches oder Egoistisches
hat. Die Bilder vermitteln eher eine Anteilnahme an anderen Menschen
und eine "Ästhetik der Vielfalt"2
wie aus einer anderen Zeit. |
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Es bleibt immer das
erste Mal.
Gelesenes, die Imagination,
die Konfrontation mit der Wirklichkeit.
Muss die Imagination die Begegnung
mit der Realität scheuen,
oder lieben sich beide?
Können sie sich verbünden?
Verändern sie sich durch die Begegnung?
Tauschen sie die Rollen?
Es ist immer das erste Mal.
Lady Windermere in: Johanna dArc of Mongolia |
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Diesen allegorischen, Benjamin'schen Aspekt der
Arbeit Ottingers hat Eva Meyer so wunderbar hervorgehoben: "Ihre
Filme", schreibt sie, "sind ethnografische Filme [
],
doch ohne den Anspruch, eine andere Kultur oder auch die eigene Kultur
zu repräsentieren. Ottinger weiß sehr wohl, daß das
nicht geht. Was sie fasziniert, ritualisiert sie im Ephemeren, ohne
symbolischen Wert, ein Artefakt also, das gleichermaßen verwirrend
wie präzis sein kann.
Mit ihm sind wir dort, wo das Erlebnis des Anderen sichtbar wird,
wo es erscheinen kann. In einem Film, der von der grundsätzlichen
Unfähigkeit handelt, dieses Erlebnis anzueignen [
]. Es
ist angesichts dieser Unfähigkeit, daß sich Ottingers Verzweiflung
und ihr Enthusiasmus die Waage halten und das Artefakt verwirklichen.
[
] Davon spreche ich fortwährend, von diesem allegorischen
Moment einer Unterscheidung, die weder romantisch erfühlt noch
durch die kritische Absicht ersetzt werden kann, wohl aber in den
Filmen Ulrike Ottingers zu sehen ist."3
Catherine David
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1 Katharina Sykora, Stills and Sessions,
in: Ulrike Ottinger, Berlin: Contemporary Fine Arts, 2001.
2 Victor Segalen, Die Ästhetik des Diversen. Versuch
ber den Exotismus. Aufzeichnungen [Essay sur l'exotism], aus dem Französischen
von Uli Wittmann, Frankfurt am Main / Paris: Qumran 1983.
3 Eva Meyer, Ottingers Artefakt, in: Ulrike Ottinger:
Texte und Dokumente, Kinemathek 86, Berlin, Oktober 1995.
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