Ulrike Ottinger
Totem


Ausstellung:
7. Juli - 11. September 2005

Salzburger Kunstverein
KUNSTVEREIN
Ulrike Ottinger
Zauberformel gegen den Tod

Wer Kino als Vehikel in eine andere, faszinierend fremde Traumwelt nützen will und Film als visuelles Schürfinstrument nach Märchen, Mythen und Ritualen versteht, ist nicht unbedingt auf Superstars des phantastisch-visionären Geschichtenerzählens wie Peter Greenaway angewiesen.
Der Freund der außenseiterischen Filmproduktion mit Kult-Appeal und hohem Kunst-Anspruch wird auch in Deutschland fündig. Etwa bei Ulrike Ottinger, einer Art Königin des "etwas anderen" Autorenfilms, die seit 40 Jahren mit äußerst eigenwilligen cineastischen Schöpfungen gegen die Kommerzialisierung, Industrialisierung und Erniedrigung der Kinokunst zu einem reinen Konsumartikel für die Massen anfilmt. Seit ihren Anfängen im Paris der sechziger Jahre zählt Ottinger gemeinsam etwa wie Rosa von Praunheim und unter gewissen Vorbehalten Rainer Werner Fassbinder zu den widerständigen "Sonderlingen", für die Film, Theater und bildende Kunst einander nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig anregen und befruchten.
Für Filmemacherinnen dieser heute anachronistisch wirkenden Minderheit bleibt Kino ein Zaubermittel zur Freilegung von Mythen und Ritualen, die unter dem brüchigen Lack der Bürgergesellschaft ihre Macht bewahren. An den zwielichtigen Randzonen des meist großstädtischen Lebens werden die Wunder des geheimen, nur sich selbst hingegebenen Daseins offenbar, Unvergeßlich bleibt Ottingers Streifen "Bildnis einer Trinkerin", eine "schwarze Film-Messe" glamouröser Selbstvernichtung mit dem undurchdringlichen Gesicht der Berliner Underground-Nofretete Tabea Blumenschein als Zentralem Leinwandereignis.
Ulrike Ottinger ist so etwas wie das weiblich Gegenbild zum Untergrund-Filmer Andy Warhol. Der schöne, verführerische Underdog männlichen, weiblichen oder unbestimmbaren Geschlechts nimmt in den frühen Streifen beider Künstler eine Art unnahbare Götterrolle ein. Dem Schattenleben der New Yorker Prostituierten, Drogen-
prinzessinnen, Transvestiten und Transsexuellen entspricht bei Ottinger die Epeditionsexotik
ihrer zentralasiatischen Filme. Immer geht es bei dieser Filmkünstlerin und Theaterregisseurin um die Magie des Andersartigen, um die Faszination eines anarchistischen Erosbegriffes und einer relativen Todesvorstellung, die durch Beschwörungsvorgänge reversibel bleibt. All das wird in die Salzburger Installation einfließen. Documenta 12 und die Ausstellung "Bildarchive" in Rotterdam würdigten im Zuge des Megatrends zu kulturellen Wissenspeichern aller Art eine Universalistin, die Jahrzehnte als Geheimtip für Freak-Liebhaber galt. Die lange Zeit mit dem anrüchigem Duft umgebene Thematik ist endlich museumswürdig geworden.
Für den Salzburger Kunstverein entwirft Ulrike Ottinger eine Schau über totemistische Rituale. Fotografische Ikonen werden ebenso zu sehen sein wie religiöse Prozessionen in Verbindung mit animistischen Opferstätten und christlichen Knochenaltären. Im Zentrum wird ein Europa-Zelt stehen, das die vielfältigen kulturellen Zeichen von Leben und Tod emblematisch in sich vereint. Die bereits in Amsterdam präsentierte Installation thematisiert einen Stoff, der Ottinger stets wichtig war. "Der Raum der Europa" versammelt Erinnerungen an die Frauenentführung von antiken Vasenbildern bis zum Symbolismus. Erstmals in Europa zu sehen sind Arbeiten aus der Serie "Faces, Found Objects and Rough Riders", auch der visuelle Speicher des "Bildarchivs" und Fotofrafien aus der "Taiga"-Serie werden die Salzburger Schau ergänzen.
WELTKUNST 8 / 2005 / Salzburg Spezial / Museen




Rituale, real und neu erfunden

"Totem": Ulrike Ottinger huldigt kultureller Vielfalt im Salzburger Kunstverein

Salzburg - Was ist Realität, was Fiktion? Was dokumentarisch, was fantastisch? - Fotos von Ulrike Ottinger, die Rätsel aufgeben:
Über den blanken Bauch ist ein kurzer Strick gebunden. Auf einer weiten Hochebene, vor schneebedeckten Berggipfeln, steht eine Reihe Männer, am Kopf pelzbesetzte Kappen mit Knauf, folkloristische Stiefel an den bloßen, in knappen Höschen steckenden Beinen, die muskulösen Arme in Bolero-artige pinke und blaue Jäckchen gezwängt. Fünf andere knien in ebenso grellfarbigen Fleischerkitteln davor und blicken in die Kamera: Ringer auf dem Fest des Hammelbrustknochens, steht darunter. Direkt daneben eine Art Dr. Vibes im grün-blauen Plastikumhang, der beschwörend ein Knochenkreuz gen Himmel streckt: Ekstatischer Mönch in der Wüste.
Im Internet erfährt man mehr über die Bikini-Ringer aus der Mongolei, die seit der Hunnenzeit ebenso wie die Bogenschießer und Reiter ihre Wettkämpfe abhalten. Der freakige Mönch hingegen ist inszeniert - ein Filmstill aus der monströs-fantastischen Kinorevue Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse. Ulrike Ottinger ist besser bekannt als Filmemacherin. Eine Karriere, die sie in den frühen 70ern, von der bildenden Kunst kommend, einschlug.
Ihre Filme erzählen mittels üppiger Bilder, verwoben mit antiken Mythologien und literarischen Figuren, phantastische Geschichten, die den Zuseher kopfüber taumelnd in skurrile, fremde Kostümwelten stürzen. Auch das Fremde und Unbekannte anderer Kulturen erscheint in Ottingers Fotografien, Inszenierungen, Reisefilmen mitunter als abgedrehte Fantasiewelt.
Für die Ausstellung Totem im Salzburger Kunstverein, die um Todes- und Auferstehungsfantasien kreist, hat die reisefreudige Künstlerin Standbilder aus frühen Filmen mit dokumentarischen Materialien aus verschiedensten sozialen und kulturellen Kontexten wild durchgemischt. Der wissenschaftliche oder ethnografische Zugang interessiert sie nicht. Es geht vielmehr um die Faszination der Andersartigkeit, eine Anerkennung verschiedenster Kulturen und Rituale.
Wenn sie den sonnengegerbten Helden texanischer Charreadas (den Rodeos ähnlich) Altarschreine mit glitterbeklebten Voodoo-Püppchen weiht, Säulen wie Totempfähle mit Federn behängt, Indianergottheiten in Form erzkatholischer Heiligenbilder inszeniert oder gar Zeus, der als Stier die Jungfrau Europa raubt, am Wigwam montiert, fallen Kulturgrenzen.
Ein wohltuender Ausflug, denn früh genug kehrt man zurück in eine Stadt, wo alles "ist wie es ist" und am Ende von Jedermanns Fest - so vorhersehbar wie altbekannt - nur der Tod wartet und sonst gar nichts.
DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.8.2005




Tod und Auferstehung


Werke von Ulrike Ottinger im Salzburger Kunstverein Ulrike Ottinger hat Filme gemacht, Theaterstücke von Elfriede Jelinek und Johann Nestroy inszeniert und Bühnenbilder gestaltet. Für die Ausstellung des Salzburger Kunstvereins (bis 11. September) hat die in Berlin lebende Künstlerin Bilder und Objekte ausgewählt, die sich mit dem Thema Totem befassen. Ein Totem ist ein Wesen oder Ding, das in einer sozialen Gruppe als zauberischer Helfer verehrt wird und nicht getötet oder verletzt werden darf. Ottinger kombiniert Bilder, Gegenstände und Materialien aus verschiedenen Kulturen und sozialem Kontext, etwa kolorierte Fotografien mit Federn. Sie alle kreisen um Todes- und Auferstehungsfaszination. In Salzburg ist zudem das "Europa-Zelt" aus 1987 ausgestellt, das den europäischen Urmythos - Zeus raubt Europa - in Umsetzungen von der Antike bis zur Moderne zeigt. Ein Kunstgespräch zur Ausstellung "Totem" findet am 9. August um 18 Uhr statt. Das Filmkulturzentrum "Das Kino" zeigt von 6. bis 17. August Ottingers Filme.
Salzburger Nachrichten, 23. Juli 2005