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KUNSTVEREIN
Ulrike Ottinger
Zauberformel gegen den Tod
Wer Kino als Vehikel in eine andere, faszinierend
fremde Traumwelt nützen will und Film als visuelles
Schürfinstrument nach Märchen, Mythen und
Ritualen versteht, ist nicht unbedingt auf Superstars
des phantastisch-visionären Geschichtenerzählens
wie Peter Greenaway angewiesen.
Der Freund der außenseiterischen Filmproduktion
mit Kult-Appeal und hohem Kunst-Anspruch wird auch
in Deutschland fündig. Etwa bei Ulrike Ottinger,
einer Art Königin des "etwas anderen"
Autorenfilms, die seit 40 Jahren mit äußerst
eigenwilligen cineastischen Schöpfungen gegen
die Kommerzialisierung, Industrialisierung und Erniedrigung
der Kinokunst zu einem reinen Konsumartikel für
die Massen anfilmt. Seit ihren Anfängen im Paris
der sechziger Jahre zählt Ottinger gemeinsam
etwa wie Rosa von Praunheim und unter gewissen Vorbehalten
Rainer Werner Fassbinder zu den widerständigen
"Sonderlingen", für die Film, Theater
und bildende Kunst einander nicht ausschließen,
sondern sich gegenseitig anregen und befruchten.
Für Filmemacherinnen dieser heute anachronistisch
wirkenden Minderheit bleibt Kino ein Zaubermittel
zur Freilegung von Mythen und Ritualen, die unter
dem brüchigen Lack der Bürgergesellschaft
ihre Macht bewahren. An den zwielichtigen Randzonen
des meist großstädtischen Lebens werden
die Wunder des geheimen, nur sich selbst hingegebenen
Daseins offenbar, Unvergeßlich bleibt Ottingers
Streifen "Bildnis einer Trinkerin", eine
"schwarze Film-Messe" glamouröser Selbstvernichtung
mit dem undurchdringlichen Gesicht der Berliner Underground-Nofretete
Tabea Blumenschein als Zentralem Leinwandereignis.
Ulrike Ottinger ist so etwas wie das weiblich Gegenbild
zum Untergrund-Filmer Andy Warhol. Der schöne,
verführerische Underdog männlichen, weiblichen
oder unbestimmbaren Geschlechts nimmt in den frühen
Streifen beider Künstler eine Art unnahbare Götterrolle
ein. Dem Schattenleben der New Yorker Prostituierten,
Drogen-
prinzessinnen, Transvestiten und Transsexuellen entspricht
bei Ottinger die Epeditionsexotik
ihrer zentralasiatischen Filme. Immer geht es bei
dieser Filmkünstlerin und Theaterregisseurin
um die Magie des Andersartigen, um die Faszination
eines anarchistischen Erosbegriffes und einer relativen
Todesvorstellung, die durch Beschwörungsvorgänge
reversibel bleibt. All das wird in die Salzburger
Installation einfließen. Documenta 12 und die
Ausstellung "Bildarchive" in Rotterdam würdigten
im Zuge des Megatrends zu kulturellen Wissenspeichern
aller Art eine Universalistin, die Jahrzehnte als
Geheimtip für Freak-Liebhaber galt. Die lange
Zeit mit dem anrüchigem Duft umgebene Thematik
ist endlich museumswürdig geworden.
Für den Salzburger Kunstverein entwirft Ulrike
Ottinger eine Schau über totemistische Rituale.
Fotografische Ikonen werden ebenso zu sehen sein wie
religiöse Prozessionen in Verbindung mit animistischen
Opferstätten und christlichen Knochenaltären.
Im Zentrum wird ein Europa-Zelt stehen, das die vielfältigen
kulturellen Zeichen von Leben und Tod emblematisch
in sich vereint. Die bereits in Amsterdam präsentierte
Installation thematisiert einen Stoff, der Ottinger
stets wichtig war. "Der Raum der Europa"
versammelt Erinnerungen an die Frauenentführung
von antiken Vasenbildern bis zum Symbolismus. Erstmals
in Europa zu sehen sind Arbeiten aus der Serie "Faces,
Found Objects and Rough Riders", auch der visuelle
Speicher des "Bildarchivs" und Fotofrafien
aus der "Taiga"-Serie werden die Salzburger
Schau ergänzen.
WELTKUNST 8 / 2005 / Salzburg
Spezial / Museen
Rituale, real und neu erfunden
"Totem": Ulrike Ottinger huldigt kultureller
Vielfalt im Salzburger Kunstverein
Salzburg - Was ist Realität, was Fiktion? Was dokumentarisch,
was fantastisch? - Fotos von Ulrike Ottinger, die Rätsel
aufgeben:
Über den blanken Bauch ist ein kurzer Strick gebunden.
Auf einer weiten Hochebene, vor schneebedeckten Berggipfeln,
steht eine Reihe Männer, am Kopf pelzbesetzte Kappen
mit Knauf, folkloristische Stiefel an den bloßen,
in knappen Höschen steckenden Beinen, die muskulösen
Arme in Bolero-artige pinke und blaue Jäckchen
gezwängt. Fünf andere knien in ebenso grellfarbigen
Fleischerkitteln davor und blicken in die Kamera: Ringer
auf dem Fest des Hammelbrustknochens, steht darunter.
Direkt daneben eine Art Dr. Vibes im grün-blauen
Plastikumhang, der beschwörend ein Knochenkreuz
gen Himmel streckt: Ekstatischer Mönch in der Wüste.
Im Internet erfährt man mehr über die Bikini-Ringer
aus der Mongolei, die seit der Hunnenzeit ebenso wie
die Bogenschießer und Reiter ihre Wettkämpfe
abhalten. Der freakige Mönch hingegen ist inszeniert
- ein Filmstill aus der monströs-fantastischen
Kinorevue Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse.
Ulrike Ottinger ist besser bekannt als Filmemacherin.
Eine Karriere, die sie in den frühen 70ern, von
der bildenden Kunst kommend, einschlug.
Ihre Filme erzählen mittels üppiger Bilder,
verwoben mit antiken Mythologien und literarischen Figuren,
phantastische Geschichten, die den Zuseher kopfüber
taumelnd in skurrile, fremde Kostümwelten stürzen.
Auch das Fremde und Unbekannte anderer Kulturen erscheint
in Ottingers Fotografien, Inszenierungen, Reisefilmen
mitunter als abgedrehte Fantasiewelt.
Für die Ausstellung Totem im Salzburger Kunstverein,
die um Todes- und Auferstehungsfantasien kreist, hat
die reisefreudige Künstlerin Standbilder aus frühen
Filmen mit dokumentarischen Materialien aus verschiedensten
sozialen und kulturellen Kontexten wild durchgemischt.
Der wissenschaftliche oder ethnografische Zugang interessiert
sie nicht. Es geht vielmehr um die Faszination der Andersartigkeit,
eine Anerkennung verschiedenster Kulturen und Rituale.
Wenn sie den sonnengegerbten Helden texanischer Charreadas
(den Rodeos ähnlich) Altarschreine mit glitterbeklebten
Voodoo-Püppchen weiht, Säulen wie Totempfähle
mit Federn behängt, Indianergottheiten in Form
erzkatholischer Heiligenbilder inszeniert oder gar Zeus,
der als Stier die Jungfrau Europa raubt, am Wigwam montiert,
fallen Kulturgrenzen.
Ein wohltuender Ausflug, denn früh genug kehrt
man zurück in eine Stadt, wo alles "ist wie
es ist" und am Ende von Jedermanns Fest - so vorhersehbar
wie altbekannt - nur der Tod wartet und sonst gar nichts.
DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.8.2005
Tod und Auferstehung
Werke von Ulrike Ottinger im Salzburger Kunstverein
Ulrike Ottinger hat Filme gemacht, Theaterstücke
von Elfriede Jelinek und Johann Nestroy inszeniert und
Bühnenbilder gestaltet. Für die Ausstellung
des Salzburger Kunstvereins (bis 11. September) hat
die in Berlin lebende Künstlerin Bilder und Objekte
ausgewählt, die sich mit dem Thema Totem befassen.
Ein Totem ist ein Wesen oder Ding, das in einer sozialen
Gruppe als zauberischer Helfer verehrt wird und nicht
getötet oder verletzt werden darf. Ottinger kombiniert
Bilder, Gegenstände und Materialien aus verschiedenen
Kulturen und sozialem Kontext, etwa kolorierte Fotografien
mit Federn. Sie alle kreisen um Todes- und Auferstehungsfaszination.
In Salzburg ist zudem das "Europa-Zelt" aus
1987 ausgestellt, das den europäischen Urmythos
- Zeus raubt Europa - in Umsetzungen von der Antike
bis zur Moderne zeigt. Ein Kunstgespräch zur Ausstellung
"Totem" findet am 9. August um 18 Uhr statt.
Das Filmkulturzentrum "Das Kino" zeigt von
6. bis 17. August Ottingers Filme.
Salzburger Nachrichten, 23. Juli 2005
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